Entity: Bericht über einen Besuch in der didaktischen Abteilung des Museums für angewandte Hermeneutik, Bielefeld, 11. August 2117

Wir wurden in einen Saal mit bequemen Sitzgelegenheiten geführt. Die Einführung übernahm ein junger, auffallend langhaariger Mitarbeiter. Im Folgenden geben wir unsere Eindrücke und Exzerpte unserer Mitschnitte wieder.

Der Vortragende „Auch wenn wir uns ganz in der Tradition der Schule der Annales sehen, so kann doch auch eine narrative Darstellung des Erlebens von Einzelpersonen nützlich sein, so weit sie symptomatisch für das Gesamtgeschehen sind. Wie Sie sicher wissen, wird Oral History von uns durch Visual History ergänzt, da zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine Fülle von Kameras in öffentlichen und privaten Räumen installiert wurde und dieses Material einen filmartigen Zusammenschnitt vergangener Ereignisse erlaubt. Ich werde Ihnen nun einen dieser Filme zeigen. Bitte beachten Sie, daß es sich a) um von uns zusammengestelltes Material handelt, b) die Ton- und Bildqualität teilweise sehr schlecht sind und daß c) ergänzende Filme in Arbeit sind, die beispielsweise die Arbeitsweise im Pavillon der Entität unter Yusuf Etiman vor Augen führen werden.“

Wir mussten uns nun je zu zweit einen Visor teilen. Es war zunächst sehr ungewohnt, 2D-Bilder ohne Geruchs- und Tastempfinden zu sehen, aber wir gewöhnten uns schnell daran.

(2024)
Wir sehen eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters schlafend im Bett. Untertitel informieren uns darüber, daß wir uns in einem der (heute leider zerstörten) Friendship Towers befinden, im 30 Stock. Der Name der Frau ist „Mrs. Armaghan bint Bilqis“. Sonnenlicht fällt ins großzügige Zimmer, ihre Abdunkelung scheint nicht zu funktionieren. Sie öffnet die Augen und betrachtet sorgenvoll einige Gegenstände an den Wänden und im Raum, die dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt sind: ein Holzschnitt von K. Utamaro (Schöne Frau reinigt ihre Pfeife, 1805);  auf einem Tischchen eine Miniaturversion von A. Jodorowskys Orgasmusmaschine, diemit winzigen Wimpeln nicken und sichauffalten kann (nach Montaña Sacra, 1973) ; gegenüber der Besuch der Königin von Saba beim König Salomon (um 1455) von P. dellaFrancesca.

Zuletzt fällt ihr Blick auf die gerahmte erste Skizze der Entität von Antje Majewski.

Anmerkung
Diese untertitelten Artefakte, die in viel besserer Bildqualität in den Film eingefügt wurden, sind ganz offensichtlich Reproduktionen von Gegenständen aus der Sammlung des Museums für angewandte Hermeneutik und könnten tatsächlich anderes im Raum überdeckt haben. Andererseits haben wir auch aus anderen Quellen erfahren, daß man damals solche Artefakte in seinen Wohnungen aufbewahrte und sich um ihren Erhalt sorgte.

Mrs. Armaghan bint Bilqis geht ins Bad, putzt die Zähne. Dann wählt sie ihre Kleidung für den Tag aus, ein weißes Salvar Kameez, macht sich zurecht und sucht ihre Handtasche. Sie wirft ihr Handy hinein und verlässt die Wohnung. Im Aufzug telefoniert sie (in Farsi). Der Ton ist hier sehr schlecht, wir verstehen nur, daß sie sich Sorgen macht, ob es einen Stau geben und sie zu spät kommen könnte. Vielleicht sollte sie doch besser die Röhre nehmen.
Sie holt ihr Auto aus der Tiefgarage und fährt über die Stadtautobahn. Man hört das Radio. Sie telefoniert noch einmal kurz. Während der Fahrt sieht man DD vorbeiziehen, in historisch sehr interessanten Aufnahmen.


Sie kommt an der Jan-Wellem-Maktum-bin-Buti-Halle an, in der sich die „Kunstsammlungen“ von DD befinden. Ein Valet parkt ihr Auto, und sie folgt einem anderen Diener zu einem im Grün verborgenen Pavillon. Es ist ein herrliches Gebilde aus Libanon-Zedern, dessen biomorphe Wände teilweise mit Malachit-Kassetten verkleidet wurden. Schon an der Tür begrüßt sie einen jugendlich aussehenden Mann in einem sehr beeindruckenden Mantel (Anmerkung: tadschikische Handarbeit, ca. 1930) als „Mr. Pflugfelder“ in englischer Sprache. Sie betritt den Saal, in dem bereits viele kleine Grupen von Menschen warten, sie trinken alkoholfreie Getränke und haben sich um Stehtische gestellt. Seitlich ein Buffet. Der Saal ist geschmackvoll mit Blumen dekoriert. Mrs. Armaghan bint Bilqis nickt einigen Bekannten freundlich zuund begibt sich dann zu einem bärtigen Mann, den wir als den legendären Yusuf Etiman identifizieren konnten, den ersten Direktor des Pavillons der Entität, der sofort mit seiner Rede beginnt.

(In englischer Sprache, hier in unserer Übersetzung)
Yusuf Etiman spricht in allgemeinen Worten über die Freude, die er an diesem Tag empfindet. Er dankt Mrs. Armaghan bint Bilqis für ihren äußerst großzügigen finanziellen Beitrag, ohne den die Entwicklung der Entität wie die Errichtung des Pavillons nicht denkbar gewesen wäre, und übergibt ihr das Wort.
Mrs. Armaghan bint Bilqis dankt ihm ihrerseits und betont, dass ihr Beitrag nur einen Teil darstellt, man aber auch Dubai Düsseldorf sehr dankbar für dasVertrauen sein müsse, mit dem die Partnerstädte den Baugrund und die Anbindung an die partnerstädtischen „Kunstsammlungen“ zur Verfügung gestellt hätten.
“Was wird die Rolle der Kunst in der Zukunft sein?”, fragt sie das Publikum. “Durch viele klassische Science-Fiction-Szenarien geistert die Furcht vor einer bis ins letzte durchgestalteten Welt, in der die Menschen in einem aseptischen künstlichen Paradies zum willenlosen Konsumenten degradiert werden – ein Szenario, dem ein künftiges Dubai Düsseldorf nicht unähnlich sein könnte. Der Wille zur Menschlichkeit kleidet sich in diesen Geschichten in den Wunsch nach dem Schädlichen, alkoholischen Exzessen und Zigaretten; oder auch, wie bei P. K. Dick, in die Gestalt des Wilbur Mercer, der in einer virtuellen Welt endlos und schmerzhaft mit Steinen beworfen wird und damit in den Menschen das Gefühl der Empathie lebendig hält.

Das westliche Museum hat immer wieder Künstler gefördert, die eine Katharsisfunktion auf sich nehmen und exemplarisch das verdrängte Andere sichtbar machen, in Düsseldorf beispielsweise Joseph Beuys.

In Zukunft wird es den Wunsch nach einer abstrakten Kunst geben, die in sich das nicht konsumierbare oder anwendbare Wissen konzentriert: abstoßende, organische Objekte, die Vergänglichkeit, Tod und Perversion bannen, ähnlich den technologischen Reliquiaren von Paul Thek.

Ich darf Ihnen nun die Künstlerin Antje Majewski vorstellen, die in Zusammenarbeit mit der Biotechnologiefirma MEL ein gänzlich neuartiges Kunstwerk entwickelt hat.”

Antje Majewski dankt der Sammlerin für die finanzielle Unterstützung ihres Projekts. Sie führt aus: „Die Besonderheit dieses neuen, von uns entwickelten Lebewesens ist es, weder Sinnes- oder Fortpflanzungsorgane noch Fortbewegungsmittel und auch kein zentrales Nervensystem zu besitzen. Der Organismus ist Leben im abstrakten Sinn. Da er sich nicht fortbewegt, ist sein Energieverbrauch so niedrig, daß sein Stoffwechsel extrem langsam ist. Er kann weder aufnehmen noch ausscheiden und lebt von sich selbst, bis sein Inneres aufgebraucht ist und eine trockene Hülle zurückbleibt. Diesem Kunstwerk gelingt die absolute Selbstreferentialität, die sich die konkrete Kunst immer gewünscht hat. Es ist im muslimischen Kulturkreis akzeptabel, da es nichts abbildet – es ist einfach nur. Gleichzeitig führt es in die sterile Welt des Museums aber einen organischen Rest ein, den man wie Sexualorgane oder Verdauungsreste nicht gern wahrnehmen möchte, weil er besonders olfaktorisch dem Menschen fremd und damit unschön ist. Zudem ist seine einzige Tätigkeit das Sich-selbst-verdauen und damit ein extrem verlangsamtes Sterben.“

Mrs. Armaghan bint Bilqis ergreift nun wieder das Wort und erklärt, was sie an dem Projekt so fasziniert: „Das zukünftige Kunstwerk erinnert an die Vergänglichkeit, und es ruft nach anfänglichen Abscheu Empathie hervor. Es kann damit als Kunst kultur- und religionsübergeifend ethisch wirksam werden. Im Kantschen Sinne wirft es uns auf uns selbst als Menschen zurück und wirkt damit gemeinschaftsfördernd, in dem es in uns eine neue Begeisterung über unsere zugebenermaßen beschränkten körperlichen und geistigen Fähigkeiten erweckt.“


Mrs. Armaghan bint Bilqis greift nun in eine Plastikbox und holt ein rundliches Objekt hervor. Seine Oberfläche leuchtet in funkelnden Grün- bis Orangetönen. Sie übergibt es Yusuf Etiman, der es vorsichtig und liebevoll empfängt. Einige der Umstehenden, wohl andere Förderer oder Assistenten, beugen sich interessiert vor, um sich bald darauf angeekelt abzuwenden. Alle Anwesenden klatschen.
Ende des Films.

Die Reaktion der umstehenden Personen blieb uns zunächst unverständlich, bis uns der Mitarbeiter des Museums für angewandte Hermeneutik erklärte, dass das Objekt vielfältigen, übereinstimmenden historischen Quellen zufolge einen fast unerträglichen Geruch verströmte.

Er fuhr nun mit seinen Erläuterungen fort, die er ab und zu mit Vidisnaps bebilderte.

Der Vortragende „ Es würde unseren Zeitrahmen sprengen, wollte ich auf die folgenden Ereignisse ebenso detailliert eingehen. Aus der Entstehungszeit der Entität besitzen wir leider keine Dokumente von Antje Majewski oder dem Biotechlabor MEL, wir hoffen aber, Ihnen die ursprünglichen Intentionen der Mitwirkenden, die zur Erzeugung und Präsention der Entität führten, näher gebracht zu haben.

(2056)

Hier sehen sie nun eine Aufnahme aus dem Jahr 2056. (Vidisnap) Dubai und Düsseldorf haben nach Entwürfen der Architekten Pflugfelder und Miessen, die sich weit von den idyllischen Anfängen des Entitäts-Pavillons entfernt haben, identische Kunsthallen gebaut, die eine kultische Verehrung der Entität erlauben. Längst dient der Organismus, der merklich geschrumpft ist und Falten bekommen hat (Vidisnap), nicht mehr der Selbstreflexion und der Erweckung abstrakter Empathie, sondern staatsgesteuert nationalistischen Gefühlen, denn nur Dubai und Düsseldorf besitzen die Entität. Nicht wenige beten das Objekt auch unverhohlen an und versuchen, mit einem Zipfel ihrer Kleider den Schrein zu berühren. (Vidisnap)

(2101)
Nach den katastophalen Ereignissen um die Jahrhundertwende wurden die Kunsthallen Dubais und Düsseldorfs zerstört.

Dieses Vidisnap stammt aus dem Jahr 2101. Es wurde von einem Touristen zufällig in einem Gemüseladen aufgenommen, dessen Besitzer sich wohl an der Plünderung der Kunsthalle Düsseldorf beteiligt hatte. Bei der runden Scheibe handelt sich um ein Dekorelement, das früher den Zugang zum Schrein schmückte. Die Oberfläche ist schmutzig, leuchtet aber immer noch in den Farben der Entität. Dahinter befindet sich ein Glaskubus auf dem Boden, in ihm einkleines rundes Ding, einer verschrumpelten Frucht ähnelnd. Es ist die tote Entität, die sich durch Aufzehrung selbst mumifiziert hat.“

An dieser Stelle wurde einigen von uns übel, und wir mussten die Toilette aufsuchen. Andere weinten.

Wir können Ihnen den Besuch des Museums für angewandte Hermeneutik sehr empfehlen, er hat hat zwar heftige, aber doch auch kathartische Gefühle in uns ausgelöst, und wir sind dem Museum für seine historischen Forschungen sehr zu Dank verpflichtet.



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Abbildungen
Kitagawa Utamaro, Schöne Frau reinigt ihre Pfeife / A beautiful woman is cleaning her pipe aus: Meisho fukei, Bijin juni (Berühmte Orte und zwölf Typen schöner Frauen / Famous places and 12 Types of beautiful women), Holzschnitt, 1805

Alejandro Jodorowsky, La Montana Sacra, Mexiko / USA 1973
Anchor Bay/Starz Home Entertainment

Piero della Francesca, Besuch der Königin von Saba beim König Salomon
Fresco, San Francesco, Arezzo, um 1455

Antje Majewski, Sketch for the outer form of the Entity (2009),
Unter Verwendung von Leonardo da Vinci, Mörser mit Sprenggeschossen, aus dem Codex Atlanticus, 1478 –1519 / Permanttintendruck auf Papier, 10 x 10 cm, 2009

Noffice, Dubai, 2009

Philip K. Dick

Joseph Beuys, Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt, 1965

Paul Thek, Rundfahrt (aus der Serie "Technological Reliquaries"), 1964
wood, mirror, wax, paint, resin, hair, metal, glass (with silkscreen), 22 x 22 x 12 cm

Antje Majewski, The Donation (2024)
Oil on canvas, 290 x 355 cm, 2009

Ralf Pflugfelder und Markus Miessen / Noffice, Kunsthalle Dubai, 2009

Antje Majewski, Decorative element that once adorned a passage leading to the shrine (2101) / Oil on Wood, Ø 200 cm, 2009

Entity (2101)
Glass cube, 35 x 35 cm and organic remains, 2009

Alle Abbildungen von Antje Majewski‚ © Antje Majewski und Jens Ziehe

 


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