Nicht nur der Mensch baut sich einen Unterschlupf. Gibt Laute von sich, um sich zu verständigen. Benutzt Geräte. Erkennt sich selbst im Spiegel. Lügt. Doch nur der Mensch hat den Willen, ein anderer zu sein, als er ist. Er bemalt sich, bekleidet sich, trainiert, begeht Suizid. Auch vom Körper losgelöste Artefakte erfüllen eine magische und damit die Menschen nicht bloß befriedigende, sondern sie und andere Wesen manipulierende Funktion.

Je mehr die Menschen in der Welt schaffen, desto mehr begreifen sie sich selbst als ein Gerät, dessen Äußeres möglichst zweckgerecht zu gestalten ist: beweglich und sauber. Selbst an Festtagen schminken sie sich nur dezent. Der Kunst, die sie kaufen oder sich in Ausstellungen und Theatern anschauen, gönnen sie mehr Extravaganz, weil sie sie nicht ständig wahrzunehmen brauchen und als weitgehend irrelevant erachten.

Erst wenn Maschinen zunehmend im Verborgenen wirken und kaum mehr der menschlichen Hilfe bedürfen, sondern im Gegenteil auch die Menschen nicht mehr nur zu reparieren, sondern umzubauen vermögen, lösen sich der Mensch als Maschine und seine Erscheinung voneinander. Bis dahin können Schauspieler zwar so populär werden, dass jeder Aspekt ihres Privatlebens interessiert, doch dauernden Ruhm erlangen sie nur als Teil in der Regel von anderen entwickelter Inszenierungen. In der bildenden Kunst ist bei allen noch so radikalen Grenzüberschreitungen eines klar: Sie ist nichts, was man sich irgendwo hinsteckt, hinreibt oder überstülpt. Nicht etwa, weil es sich dann zu schnell abnutzte. Denn längst gibt es Kunst, die sich allmählich selbst zersetzt oder regelmäßig erneuert werden muss. Doch während bildende Kunst die Häuser schmückt, ist Körperschmuck, wenigstens sobald er getragen wird, immer nur Kunstgewerbe.

Antje Majewski lässt diese Grenze nicht gelten. Als Sammlerin verwahrt sie opulente Kleider und Tücher ebenso sorgfältig wie Fotos und Gemälde, sie werden aber auch von ihr und Freunden getragen. Als Künstlerin malt und filmt sie nicht nur, sondern entwirft auch das Make-up und viele der in den zugrunde liegenden Inszenierungen verwandten Kleidungsstücke. Wenn sie die in ihren Videos erscheinenden Gemälde später verkauft, ihre Kleider aber nicht, dann nicht, weil Letztere für sie weniger Kunst wären, sondern weil sie als Teil ihrer eigenen Sammlung weiterhin getragen werden. Von gewöhnlichen Kunstsammlern lässt sich das höchstens konzeptuell erzwingen. Ob Antje Majewski Menschen in ihrer alltäglichen Erscheinung oder einer Inszenierung malt, sie ordnet sich unter. Was zu sehen ist, bleibt bei den Menschen. Sie sind die eigentlichen Bilder, die sich real jedoch nur flüchtig präsentieren. Auch auf den als Vorlage für die Gemälde dienenden Fotos sind sie bloß ein Schnappschuss. Von Majewski gemalt, wirkt das zu Sehende plastisch und gewollt. Die Bergbesteigung am Wochenende, der Museumsbesuch im Pelzmantel, der Karneval, der provisorisch sesshaft gewordene Landstreicher – das Streben der Menschen nach Selbstgestaltung ist überall. Die zeitgenössische Kunst ist dagegen ein Ewigkeit beanspruchendes Epiphänomen.

In der Ausstellung Mal de ojo (2005) und dem Tanztheaterstück Skarbek (2005) treten erstmals Gegenstände in den Vordergrund: Die Schätze der Erde werden lebendig, und auch Plastikhocker, Vorhang und Lampe werden, gemalt auf einer glatten, rutschigen Holzfaserplatte, verwischt und zerkratzt, zu unerbittlich harrenden Untoten. Andererseits gleichen die Xoloitzcuintles, mexikanische Nackthunde, bereits verwitterten Skulpturen, und der Schauspieler Kaveh Parmas stellt einen Toten dar. Wie im Animismus gibt es hier keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Lebenden und den Dingen. Diesem Irrsinn können auch Tiere anheimfallen (Katzen verlieben sich in Katzenminze), doch seine Systematisierung zum „bösen Blick“ bereitete der Kunst ihren Weg und vermittelt sich den Ungläubigen nur noch als Kunst. Majewski vollzieht einen möglichen Anfang an sich selbst nach und sticht ein Ohrloch aus der Teenagerzeit wieder auf. Das Gemälde Entrance to Crystal Palace (2002) zeigt eine ehemals den Eingang des Londoner Crystal Palace schmückende Sphinx, der ein Unbekannter die Augen rot angemalt hat. Der in Venus (1997) zu sehende Velázquez Venus vor dem Spiegel wurde 1914 von einer Suffragette zerschnitten. Die ägyptischen Mumien in Majewskis The Royal Mummies (2006) sollten für immer verborgen bleiben, aber die Tücher, in die sie gewickelt waren, wurden von Forschern zerschnitten. Nicht nur sich selbst, die Menschen maskieren und enthüllen auch Artefakte und entwickeln zu ihnen ein neues Verhältnis. Was früher Ehrfurcht erregte, daran lehnt man sich heute lässig an – oder auch umgekehrt.

In dem Video No School Today (2005) lässt ein Kind einen Erwachsenen sich nach neuen Regeln durch seine Hochhauswohnung bewegen. In Dekonditionierung (2008) absolutieren fünf Schauspieler und Laien grundsätzliche menschliche Verhaltensweisen wie Macht und Nähe. Majewskis Gemälde sind als Teil des Bühnenbilds wie im normalen Leben Dekor, dem sich die Akteure widmen oder das sie ignorieren können. In der Ausstellung stehen Film und Gemälde dann gleichberechtigt nebeneinander. Das Gemälde tritt vor beziehungsweise die Handlung tritt zurück als nun ebenfalls Kunst.

In Säule Wedding (2008) stehen Antje Majewski und Juliane Solmsdorf gemeinsam vor dem Eingang zur Berliner U-Bahnstation Pankstraße auf einer defekten Trinkwassersäule. Die Künstlerinnen setzen sich zu Lebzeiten ihr eigenes Denkmal. Doch auf der Säule auszuharren strengt schnell an, und auch jeder andere Passant kann sie für ein paar Minuten besteigen. Oder sich wie die beiden Künstlerinnen in dem Film Erde Asphalt Wedding (2007) nur noch robbend fortbewegen. Immer wieder sollte es die Aufgabe der Kunst sein, absolut richtige Formen zu finden und damit den Menschen zurückzuwerfen auf sein sterbliches und endliches Maß. Der Glaube daran ist geschwunden. Was geblieben ist, sind staatliche Normen, wie breit ein Flugzeugsitz und wie hoch eine Wohnung zu sein hat oder wie hell eine Werbetafel leuchten darf. Doch das sind willkürliche Bestimmungen, denn jeder einzelne Mensch kann jederzeit neu entscheiden, was für ihn zu klein, zu groß, zu hell oder zu dunkel ist. Wie wandelbar dieses Maß ist, will Antje Majewski in einer Serie erkunden, in der sie ein Motiv immer wieder neu malt, unter dem Einfluss verschiedener Drogen. Drogen sind die einzigen Dinge, die im Laufe der Menschheitsgeschichte, in der eine unfassbare Menge von Dingen angehäuft wurde, kaum an den Alltag transzendierender Wirkung verloren haben. Sie umgeben den Menschen nicht, sondern durchdringen ihn. So ist auch Majewskis Ideal eine Kunst, die sich wie in der Kurzgeschichte The Winter Market von William Gibson direkt von einem Gehirn ins andere überträgt. Als eine nach innen gestülpte Maske wäre sie nicht mehr sinnlich wahrnehmbar und könnte die anderen Reize im Extrem komplett verdecken, der Mensch käme sich in seiner Wandelbarkeit selbst abhanden.

Doch was Majewski an einer direkt übertragbaren Kunst interessiert, ist weniger die Totalität als die Präzision. Am Beginn ihrer Karriere spielte sie noch mit dem Gedanken, die Ausstellungsbesucher überraschend einzuschließen, um sich der Bedeutungslosigkeit der zeitgenössischen Kunst zu widersetzen. Schnell hat sie gemerkt, dass sie mehr will. Ihr soll nicht weniger gelingen als eine Pracht, die sich an Velázquez oder Vermeer genauso messen kann wie an den Spektakeln eines Waldspaziergangs.

Text von Ingo Niermann

SIehe Auch
My Very Gestures, 2008

PubliKation

Antje Majewski – My Very Gestures

Edited by Hemma Schmutz, Caroline Schneider
Contributions by Sebastian Cichocki, Dominic Eichler, Ingo Niermann
Conversation with Tanja Widmann
Published on the occasion of Majewski’s same-titled exhibition at the Salzburger Kunstverein, September 25 – November 30, 2008.

November 2008, English/German
25 x 29 cm, 112 pages, 64 color ill., softcover
ISBN 978-1-933128-56-6
$29.95 | €24.00
www.sternberg-press.com

 


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