Glasgow in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Haus von Allan H. Duncan, einem Liebhaber paranormaler Erscheinungen, Eingeweihten bekannt als der „subtile Jäger des Ektoplasmas“. Er gilt nicht nur als vorzüglicher Kenner dieser ätherischen Substanz, dieser aufregenden prima materia des Jenseits, sondern wird auch gerühmt als talentiertes Medium, das bei den Reisen des Ektoplasmas in das Diesseits behilflich ist. Jeden letzten Freitag des Monats füllt sich der Salon des Herrn Duncan mit Gästen, einer sorgfältig ausgesuchten Gruppe Eingeweihter, die nach Kontakt mit dem Unbekannten dürsten. Das enge, gewundene Treppenhaus in dem anonymen Mietshaus führt zu der massiven Tür auf dem Dachboden, die mit eisernen Riegeln und zahlreichen Schlössern versehen ist. Auf der Tür prangt ein silbernes Täfelchen mit der eingravierten Schrift „Les Magiciens de la Terre“. Die Eingangstür führt unmittelbar in den Salon, den einzigen Raum, zu dem die Gäste Zutritt haben. In den anderen Räumen befindet sich, vor neugierigen Blicken sorgsam geschützt, die Sammlung von Dingen, die der Hausherr angehäuft hat.

Allan H. Duncan liebt Gegenstände. Diese Liebe ist ebenso unersättlich wie besitzergreifend und diszipliniert. Lange und widerstrebend überlegt er, welcher Gegenstand unter welchen Umständen ans Tageslicht geholt und unmittelbar den Blicken Fremder dargeboten werden soll. Er ist dabei launisch und störrisch. Seine Wahl lässt sich nie voraussehen.

Die junge Frau, die neben Herrn Duncan steht und die Gäste an der Tür begrüßt, heißt Stanislawa P. Sie kommt aus Osteuropa, ist schüchtern, spricht wenig, errötet leicht und weint. Niemals verrät sie ihren vollen Namen. Sie assistiert Herrn Duncan seit drei Jahren. Immer trägt sie ein Heft bei sich, in dem sie interessante Aphorismen, Worträtsel, grammatische Ausnahmen und Sprichwörter notiert. Herr Duncan behauptet, das Mädchen habe eine ungewöhnliche Gabe, und die Sätze, die es in seinem Heft notiere, stammten nicht aus unserer Welt. Er nennt sie „Einflüsterungen der Zukunft“.

Vor jeder Sitzung werden im Salon Gegenstände ausgelegt: Absonderlichkeiten der Natur, Kunstwerke, wertvolles Tischgedeck, medizinische Prothesen oder Proben der unterschiedlichsten Substanzen. Gegenstände hängen direkt an der Wand oder liegen auf speziellen Glasregalen und in Vitrinen. Die hauptsächlich aus der abgründigen Sammlung des Herrn Duncan stammenden oder von seinen Sammlerkollegen ausgeliehenen Objekte unterliegen ständiger Rotation. Schwer zu sagen, ob diese Kompositionen eher eine passende Atmosphäre zur „Jagd“ auf die spirituelle Materie fördern oder die speziellen Fähigkeiten des Hausherren bezeugen sollen. Dieser selbst spricht bisweilen von Intuitionen, nie nennt er den Zweck, zu dem dieser oder jener Gegenstand in den Salon gelangt ist. Die Mehrzahl der Objekte hat der Besitzer mit kleinen Täfelchen versehen. Sie enthalten lakonische Beschreibungen, das Datum der Aufnahme in die Sammlung sowie den Namen des Eigentümers.

So auch diesmal, obwohl es nicht viele Gegenstände sind. Eine Vase mit einem Mohnblumenstrauß auf einem Glasregal an der Wand.

Eine Bratschüssel mit halbflüssigem Fett auf dem Fensterbrett. Sie sondert einen unangenehmen Geruch ab.

Ein Glas Wasser. Der dazugehörige Text auf einem kleinen Zettel hängt hoch und ist unlesbar.

Eine mit peruanischem Sand gefüllte Sanduhr. Sie steht auf einem Bücherschrank.

Eine kleine Schachtel mit Deckel, mit der Aufschrift Duncan, A. H., Mr., The Society for Psychical Research, 1939. Sie steht auf dem Fußboden unter dem Kleiderständer. Die Schachtel ist halb geöffnet, ein weißes Stück Stoff ragt aus ihr heraus.

Und schließlich das Bild. Am zentralen Punkt des Salons positioniert, genau gegenüber der Eingangstür. Ziemlich groß, mehr als anderthalb Meter breit. Es ist nicht verpackt, lehnt jedoch mit der Leinwand an der Wand und liegt so eng an ihr an, dass man kein bisschen von dem sieht, was es darstellt.

Es ist neun Uhr abends. Ein frischer Abend am Frühlingsanfang. Die Gäste betreten pünktlich der Reihe nach den Raum. Die Gruppe ist diszipliniert, die Begrüßung beschränkt sich auf ein beiläufiges Nicken. Alle nehmen ihre Plätze auf den anspruchslosen Holzstühlen ein, die um den Tisch im Zentrum des Salons herumstehen.

Die Sitzung beginnt ohne überflüssige Einleitungen. Herr Duncan reckt sich schwungvoll, streckt den Hals und dehnt die Handflächen so sehr, dass die Knöchel im Gelenk knacken.

Stanislawa P. greift nach dem Heft, das sie immer in ihrer abgrundtiefen Schürzentasche trägt. Sie blättert einen Augenblick in den Notizen, um dann an die Wandtafel zu gehen und mit Kreide zu schreiben: BOURGEOIS ART FREELY.

Herr Duncan schließt die Augen, hebt ein Bein an und erstarrt in völliger Bewegungslosigkeit. Sein Körper, reglos in dieser grotesken Pose, beginnt nach einer Weile gefährlich zu schwanken. Das Gesicht des Mannes läuft rot an. Endlich beugt er sich über den Tisch, röchelt, schlägt dann ein ums andere Mal mit der Stirn auf den Tisch. Das Gesicht, soeben noch rot vor Anstrengung, wird zur Abwechslung blau, und der steife Nacken streckt sich unnatürlich nach links. Kurz darauf schlüpft aus dem Mund des Mannes das Ende von etwas, das nach einer dicken Hanfschnur aussieht. Dieses Etwas bebt leicht und gleitet einige Zentimeter weit aus dem Mund. Herr Duncan, ungerührt, packt die Schnur zwischen Daumen und Zeigefinger, wickelt sie um seine Hand und zieht kräftig daran. Nach mehrmaligem Rucken präsentiert sich den Augen der Versammelten der Gegenstand in seiner ganzen Pracht – eine klebrige, speichelnasse, zuckende längliche Amöbe. Die Gäste sind begeistert. Das Ektoplasma! Beifall. Geschickt fasst der Mann das glitschige Geschöpf mit einer Silberzange und setzt das Fundstück in der Zuckerschale auf dem Tisch ab.

Kurze Pause, während der die Gäste Meinungen austauschen und die im Raum versammelten Gegenstände ansehen, nicht ohne von Zeit zu Zeit einen raschen Blick auf das überirdische Stück Auswurf in dem Gefäß zu werfen. Die Atmosphäre ist feierlich.

Der zweite Teil der Sitzung geht unerwartet rasch vonstatten. Das Mädchen schlägt auf gut Glück eine Seite ihres Notizbuches auf und schreibt hastig an die Tafel: RADICALLY, DIALECTICALLY. Noch ehe die Gäste bequem auf den Stühlen Platz genommen haben, öffnet Herr Duncan weit den Mund, taucht mit seiner rechten Hand hinein und fördert mit schwungvoller Geste ein zerdrücktes Stoffknäuel zutage.

Dieses Stück Gewebe ist regsam, es beult sich aus und gibt ein leises Piepsen von sich. Mit feinem Lächeln reicht der Mann das Bündel der Assistentin. Diese wickelt den Stoff auf und präsentiert dem versammelten Publikum das Fundstück.

In dem Lappen befindet sich ein leise quiekendes Rattenjunges. Das Tier sieht sich um – wenn man die nervöse Bewegung des Kopfes so interpretieren kann, auf dessen Scheitel sich zwei schwarze, noch immer von einer Hautschicht bedeckte Punkte befinden –, springt auf die Erde und entwischt zum Erstaunen der Versammelten geschwind unter die Küchenkommode.

Applaus. Das Kunststück erntet Gelächter und Bewunderungsrufe. In der Verwirrung achtet niemand auf die klebrige Spur, die die kleine Ratte hinterlässt. Vom Tisch bis zur Kommode zieht sich ein Streifen leicht phosphoreszierender Flüssigkeit.

Herr Duncan legt den Finger auf die Lippen und gebietet Stille. Er nimmt der Assistentin das verknäulte Stück Stoff ab, streicht es auf dem Tisch glatt, reibt mit der unteren Handfläche darüber und beleuchtet es zusätzlich mit einem Streichholz. Mit triumphalem Räuspern deutet er auf eine undeutliche, stark abgeriebene Aufschrift auf dem Stoff, die mit rotem Faden gestickt ist: „Passing places. Disturbed places. Unstable places. Windows disturbed by what happens behind them. Doors disturbed by those who open them. Corridors disturbed by those who walk along them.“

Im selben Augenblick kichert jemand in der hinteren Reihe hysterisch und stürzt ohnmächtig zu Boden. Später stellt sich heraus, dass es sich bei dem Unglücklichen um Herrn Sazonow handelt, einen russischen Kunstsammler, den Eigentümer des Gemäldes, das mit der Rückseite zum Publikum steht.

Der Mann liegt die nächste Stunde auf dem Boden. Man lässt ihn unbehelligt. Wenn er sich erholt wieder erhebt, den Kopf voller exotischer Visionen, wird der Raum bereits völlig leer sein.

Der dritte Teil der Sitzung nimmt einen heftigen Verlauf, führt jedoch unerbittlich zur Enttäuschung.

Stanislawa P. wischt sorgfältig die Tafel sauber und schaut in ihr Heft, gerät in Gedanken, lutscht an dem Kreidestummel, bis sie schließlich in Schönschrift an die Tafel schreibt: DESTRUCTION, EXISTENCE, FRAGMENT.

Die Lippen des Herrn Duncan zittern. Er sitzt in unnatürlicher Haltung auf dem Stuhl, den Rumpf an die Tischkante gelehnt, die Arme weit ausgebreitet, als schicke er sich zu fliegen an. Er murmelt Unverständliches. Keine fünf Minuten vergehen, da tritt eine klebrige Flüssigkeit aus dem Mund des Mannes, eine Art subtil schimmernden Pseudospeichels. Je mehr von dieser Substanz ihm über den Bart läuft, desto spastischere Zuckungen erfassen seine Innereien. Herr Duncan stößt Schreie aus und zappelt mit den Beinen, bis er krachend auf den Boden knallt. Er steht sogleich aus eigener Kraft wieder auf, klopft sich ab und schiebt sich an den Tisch. Mit der rechten Hand am Mund beugt er sich über die Zuckerdose. Angewidert, mit gnadenlos verzerrtem Gesicht spuckt er eine kleine klebrige Kugel in den Zucker. Die Kugel rollt den Rand hoch und kullert langsam aus dem Gefäß heraus, hinterlässt auf dem Tisch eine kleistrige Schneckenspur mit Zuckerkristallen. Nach wenigen Sekunden willenloser, spiralförmiger Bewegung bleibt sie an einem auf dem Tisch stehenden Teller mit Wasser haften.

Erst jetzt fällt den Gästen auf, dass das Wasser in dem Gefäß eine eigenartige lachsrosa Färbung besitzt und am Boden die Buchstaben L.A.S.T., L.E.A.K. aufscheinen.

Stille tritt ein. Die nächsten Minuten ereignet sich nichts Bemerkenswertes. Auf dem Tisch ruht der kleine Auswurf, nichts weiter als ein von menschlichem Schleim bedecktes, zusammengeknülltes Blatt Papier. Herr Duncan massiert sich den Adamsapfel, greift nach dem Wasserglas, kippt es hinunter und spült sich laut gurgelnd den Mund. Er spuckt die Papierreste mit dem Wasser auf den Boden. Vorsichtig nimmt er die Kugel und beginnt, sie auseinanderzufalten. Schon bald wird allen Versammelten klar, dass sich im Innern keine Nachricht befindet. Das Blatt, aus dem die Kugel geknetet war, erweist sich als völlig leer. Stanislawa P. drückt ihr Heft mit den Notizen fest an die Brust und stößt einen langgezogenen, durchdringenden Schrei aus. Das ist das Zeichen, dass die Sitzung ihrem Ende zugeht. Tee wird gereicht. Fragmente des zuvor gesammelten Ektoplasmas auf dem Boden der großen Zuckerdose aus Kristallglas pulsieren leicht. Die Gäste betrachten diese eigenartigen Überreste mit großer Aufmerksamkeit, schweigend – jeder Kommentar wäre fehl am Platz –, und kauen dabei süßen Zwieback. Aschenbecher werden hereingetragen. Zigarettenrauch und ein großes Rascheln füllen den Raum. Das Zucken der hautfarbenen Materie wird matter und matter. Als die Gäste sich schon zum Gehen anschicken, zeigt Herr Duncan auf das an der Wand lehnende Gemälde, das während der ganzen Sitzung mit der Rückseite nach vorn dastand. Vorsichtig dreht er es den Versammelten zu, kniet dann nieder und erforscht behutsam, mit den Fingerspitzen, seine Oberfläche. Das Gemälde ist ansehnlich, farbig, illusionistisch. Aus der rechten oberen Ecke ragt eine Gestalt, die mehr als ein Viertel der Leinwand einnimmt. Diese Person, ob Frau oder Mann, ist schwer zu sagen, liegt auf der Erde, mit dem Gesicht eine schmutzige Pfütze berührend, die den größten Teil der unteren Hälfte des Bildes einnimmt. Eingehüllt ist diese Gestalt in einen Stoff, aus dem ausschließlich das Gesicht und eine Hand hervorragen, von unalltäglich blauer Hautfarbe. Über das Gesicht verlaufen farbige Streifen – rot, weiß und gelb. Die Lippen bleiben rosig. Die Gestalt schlürft von dem schlammigen Wasser, während ihr Antlitz sich undeutlich in der Pfütze spiegelt. Aus dem Mund ragt die Zunge, die bei näherem Hinsehen lebhaft an das Fragment der Substanz erinnert, das vor nicht ganz einer Viertelstunde aus dem Inneren des Herrn Duncan hervorgequollen ist.

Diese Koinzidenz ruft allerdings nicht die gewünschte Wirkung bei den Versammelten hervor.

Das Gemälde wird mit einer Decke verhängt, die Gäste gehen schweigend hinaus.

Der neue Eintrag in dem Heft von Stanislawa P. lautet: THE HISTORY STILL TO BE MADE SHOWS ITSELF.

Text von Sebastian Cichocki

SIehe Auch
My Very Gestures, 2008

PubliKation

Antje Majewski – My Very Gestures

Edited by Hemma Schmutz, Caroline Schneider
Contributions by Sebastian Cichocki, Dominic Eichler, Ingo Niermann
Conversation with Tanja Widmann
Published on the occasion of Majewski’s same-titled exhibition at the Salzburger Kunstverein, September 25 – November 30, 2008.

November 2008, English/German
25 x 29 cm, 112 pages, 64 color ill., softcover
ISBN 978-1-933128-56-6
$29.95 | €24.00
www.sternberg-press.com

 


TOP